Zur Frage Kiel und Definitionsmacht

Stellungnahme des FLT-Cafe Kiel zu den aktuellen Ereignissen um die Tierbefreiungstage in der Hansa 48

Die Ereignisse um die Tierbefreiungstage, die letztes Wochenende stattgefunden hätten, sind der Anlass dieses Textes. Wir verzichten darauf, nochmals all diese Ereignisse wiederzugeben und möchten darauf hinweisen, dass die fraglichen Texte zum größten Teil frei zugänglich sind.
Wir unterstützen die Forderungen von marlene hates germany aus dem offenen Brief vom 13. 5.1 nach wie vor. Wir sind der Meinung, dass die Diskussion um Definitionsmacht nicht zurück in eine sogenannte Privatsphäre verlegt werden kann. Wir haben uns den Forderungen an die KIT und die Hansa 48 angeschlossen, weil es uns ein Anliegen ist, dass Definitionsmacht als Thema in einer angemessenen Weise behandelt wird.
Die Form der Auseinandersetzung, die durch den offenen Brief angestoßen wurde, ist für uns allerdings kein angemessener Umgang. Aus antisexistischer Sicht ist die Art und Weise, wie das Thema Definitionsmacht in dieser Debatte behandelt, wird weder ausreichend noch angemessen.
Für uns geht es um eine Kritik „antisexistischer Praxis“, die sich auf Lippenbekenntnisse beschränkt und Begriffe verdreht oder gar ausklammert. Hier in Kiel wird teilweise versucht, antisexistische Forderungen als Instrument anderer Inhalte darzustellen, dies ist nicht hinnehmbar. Uns als FLT-Gruppe geht es um eine Klärung des Begriffes „Definitionsmacht“ und um eine glasklare Solidarität mit der Betroffenen.

Es gibt keine Alternative zur Definitionsmacht

Definitionsmacht beinhaltet das Konzept der Parteilichkeit mit Betroffenen. Wer die Definitionsmacht eines betroffenen Menschen in Frage stellt, betreibt Täterschutz. Täterschutz ist kein abstrakter Begriff , sondern die konkrete Entsolidarisierung mit der betroffenen Person. Aus diesem Grund kann Definitionsmacht keine Glaubensfrage sein, sondern ist die Grundlage antisexistischer Praxis, denn so lange Geschlechterverhältnisse von Gewalt geprägt sind und sexualisierte Gewalt zum Alltag gehört, gibt es keine Alternative zur Definitionsmacht.
Zum Wort „Täterschutz“ sei noch gesagt, dass unserer Ansicht nach die Debatte anders verlaufen würde, wenn statt „Täterschutz“ konsequent von „Entsolidarisierung mit der Betroffenen“ gesprochen werden würde. Dies stellt einen weniger abstrakten Begriff dar und ist gleichzeitig eine Möglichkeit, die Betroffene nicht in der Diskussion zu vergessen.

Die aktuelle Situation in Kiel

Wir fordern eine reflektierte Verwendung des Begriffs Definitionsmacht und einen sensiblen und verantwortungsbewussten Umgang mit dem Thema der sexualisierten Gewalt innerhalb und außerhalb der „Szene“. Die vorliegende Debatte erfüllt diese Kriterien unserer Meinung nach nicht. Denn wenn von der „rethorischen Klaviatur linker Reizbegriffe2“ die Rede ist, wird die Tatsache, dass Menschen (wie in diesem Fall eine konkrete Person) tatsächlich von sexualisierter Gewalt betroffen sind, vollkommen ausgeblendet.
Wir sehen uns weder als Szenepolizei noch als Anwält_innen der Betroffenen, möchten dennoch ganz deutlich darauf hinweisen, dass wir eine Diskussion um Definitionsmacht nicht ohne das Bewusstsein führen können, dass eine tatsächliche und reelle Betroffenheit existiert. Diese Tatsache darf nicht vergessen werden.
Für uns stellt es einen krassen Widerspruch dar, sich einerseits mit einer Gruppe zu solidarisieren, die einer Betroffenen ihre Definitionsmacht aberkennt, andererseits aber Definitionsmacht als „eine notwendige Grundlage im Kontrast zur bürgerlichen Rechtssprechung3“ darstellt. Wir möchten die beteiligten Gruppen und Einzelpersonen auffordern, ihre Standpunkte gegenüber der „Hamburg-Frage“ zu überdenken. Von antisexistischer Seite liegen die Dinge hier ganz klar. Die anderen Themen sind davon getrennt zu betrachten.

Und jetzt?

Es bleibt eine Tatsache festzuhalten: Sexismus und Gewalt zwischen Geschlechtern ist in der sogenannten „Szene“ normal und nicht etwa die Ausnahme. Grenzen werden gern als „bürgerliche Moralvorstellungen“ abgetan. Betroffenheit zu äußern bedeutet nicht, Verständnis und Hilfe zu bekommen, sondern ist oft mit zähen Diskussionen um die eigene Wahrnehmung und Empfindlichkeit verbunden. Wer ein bestimmtes Verhalten als grenzüberschreitend benennt, braucht oft Hilfe, um gehört zu werden. Darüber hinaus bedeutet es fast immer, sich angreifbar zu machen und in Zukunft weniger ernst genommen zu werden. Das Label „Antisexistisch“ versucht einen anderen Eindruck zu vermitteln. Sich von einer Gesellschaft abzugrenzen, die zum Kotzen ist, reicht nicht. Das eigene Verhalten nicht in Frage zu stellen ist Sexismus.
Es bleibt zu sagen, dass es einge Beispiele von einem guten Umgang mit Sexismus und sexualisierter Gewalt hier in Kiel gibt. Gemeinsame Erfahrungen können jetzt nützlich sein. Wenn es um Definitionsmacht gehen soll, ist jede_r angesprochen. Es liegt an uns allen, ob eine Diskussion und eine Auseinandersetzung gelingt oder nicht. Hierzu sei noch gesagt, dass jegliches Gespräch, jeder Text so gestaltet sein sollte, dass Menschen, die eigene Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt haben, Rücksicht erfahren. In einer gemeinsamen Auseinandersetzung soll jede_r zu Wort kommen können, ohne die üblichen Macker_innen-Allüren und Theorie-Monologe.